Stellungnahme der ABDOS zur Erwerbung von Literatur aus Russland und Belarus in Zeiten des Angriffskrieges gegen die Ukraine

„In Zeiten des russischen Angriffs auf die Ukraine wird uns die immense Bedeutung von freiem Zugang zu vielfältigen Informationen sowie von zivilisierten Diskursen wieder schmerzhaft bewusst. Bibliotheken stehen in ihrer täglichen Arbeit für Informationsfreiheit, gesellschaftliche Begegnung, Teilhabe und Kooperation.“

Volker Heller, Bundesvorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbandes e.V. (dbv),
in seiner Antrittsrede, zitiert nach: Bibliotheksdienst 2022.56.5, S. 256

Die Mitglieder der ABDOS haben in der Mitgliederversammlung in Riga am 24.5.2022 den Vorstand gebeten, eine Positionsbestimmung zum Erwerb von russischer und belarussischer Literatur vorzunehmen. Die vorgängige Diskussion im Plenum resultierte in folgender Auffassung:

  • Aufgabe wissenschaftlicher Bibliotheken ist es – je nach Spezialisierung – möglichst umfassend und kontinuierlich im Hinblick auf die Bedarfe ihrer Zielgruppen zu sammeln und einschlägige Informationen frei bereitzustellen.
  • Dies gilt grundsätzlich unabhängig von den politischen Systemen, Weltanschauungen oder vorherrschenden Ideologien der Länder, in denen die benötigte Literatur publiziert wird. Gerade für die wissenschaftliche Qualität von Bibliotheken mit einem Sammelschwerpunkt auf dem östlichen und südöstlichen Europa ist dies ein entscheidendes Prinzip. Es hat sich nicht zuletzt zu Zeiten des Kalten Krieges bewährt.
  • Die ABDOS spricht sich daher auch vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, an dem sich Belarus beteiligt, klar für die kontinuierliche Erwerbung von Literatur aus Russland und Belarus aus. Sie erachtet es als wesentlich für die Informationsfreiheit und die Bedarfe künftiger Generationen, aktuelle russische und belarussische Literatur vorzuhalten. Dabei geht es nicht nur um ideologisch neutrale Publikationen. Gerade politisch tendenziöse Literatur hat für die Forschung in der Regel einen hohen Quellenwert. Bibliotheken sollten weiterhin rein nach dem jeweiligen Profil entscheiden, ob sie derlei Literatur auch in der gegenwärtigen Situation sammeln oder nicht.
  • Da auch russische und belarussische Verlage und Bibliotheken zunehmend unter Druck geraten und Publikationen verboten und eingestampft werden, kommt der Dokumentation außerhalb der Region zudem wieder eine stärkere Bedeutung als ‘sicherer Hafen’ für wissenschaftliche Literatur zu.

Bei den operativen Erwerbungsvorgängen geben wir folgende Punkte zu bedenken:

  • Die Erwerbung erfolgt stets im Einklang mit geltenden Embargo-Vorschriften. Es wird empfohlen, auf Händler zurückzugreifen, die einen Firmensitz außerhalb Russlands und Belarus haben.
  • Die ABDOS plädiert darüber hinaus dafür, möglichst mit Anbietern zusammen zu arbeiten, die sich öffentlich oder zumindest innerhalb der bibliothekarischen Community gegen den Krieg ausgesprochen haben.
  • Volksverhetzende und eindeutig extremistische Literatur sollte mit Ausleihbeschränkungen versehen werden.
  • Bei in Russland und Belarus verbotenen Medien ist zu überlegen, ob sie in die Fernleihe gegeben und im deutschsprachigen Raum mit Lesesaalauflage verliehen werden sollten, um den Bestand zu sichern.

Der Vorstand der ABDOS, 12.9.2022.


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